Experten als Dilettanten?

Man ist anfangs ungläubig, dann kommen immer mehr Details, die Fassungslosigkeit nimmt zu. Was haben sich die Veranstalter der Love Parade in Duisburg dabei gedacht, ein abgezäuntes Gelände zu verwenden?

Das maximal 300.000 Personen Platz bietet (was 240.000 Quadratmeter grosszügig auf Menschen umrechnet, die auch tanzen, denn bei Demos; Kundgebungen und anderen Veranstaltungen sagt man, dass zwei Menschen auf einen Quadratmeter kommen), auf das aber – in unterschiedichen Schätzungen – eine Million, 1,4 oder 1,6 Millionen Menschen strömten?

Die Verantwortlichen (Veranstalter, Polizei, Stadt) beantworteten die Fragen bei einer Pressekonferenz jedenfalls ausweichend. Ein Panikforscher gibt einfach den BesucherInnen Schuld, denn die Lage im Tunnel sei “überschaubar” gewesen. “Wir empfehlen: ein frühes Anreisen. Das Gelände am alten Güterbahnhof hat angeblich nur ein Fassungsvermögen von 500.000 Menschen. Bei erwarteten 1 Millionen macht die Polizei nach logischer Konsequenz irgendwann Schicht im Schacht  – und der Rest muss draußen bleiben!” (ruhr-clubbing.com)

Dass es umfangreiche Vorbereitungen gab, wird ja wohl niemand bestreiten, doch man scheint sich mehr darauf konzentriert zu haben, über Straßensperren und Ausweichrouten rund um das Gelände zu informieren als über den Zugang zur Veranstaltung. Die Liste der gesperrten Straßen ist ja auch relativ lang, es mussten vielen Menschen davon in Kenntnis gesetzt werden. War die Polizei jenseits ihrer Kapazität? Immerhin wurde ein Sicherheitskonzept von Polizei und Feuerwehr als “zu teuer” abgelehnt.

Die Veranstalter sollen sich durchgesetzt haben, heisst es, bei sicherlich eher geringem Widerstand der Stadt Duisburg. Denn das Ruhrgebiet feiert Kulturhauptstadt, da sollte die Love Parade eines der wichtigsten Events werden. Eigentlich leidet der Ruhrpott darunter, dass zu viel kulturelles Angebote geschaffen wurde, das in der Aufrechterhaltung zu teuer ist. Einerseits sind das Industriedenkmäler, die man unbedingt bespielen muss, auch wenn man sie kaum heizen kann.

Andererseits kaum ausgelastete Theater und Orchester, weil jede Stadt bestimmte Einrichtungen bisher selbst haben wollte. Ein Kulturhauptstadtjahr ist aber kein Motor für sinnvolle Reduktionen und Synergieeffekte, sondern eher für das Gegenteil. Deshalb muste die Parade auch stattfinden, obwohl es keinen passenden Ort gibt (der Tiergarten in Berlin, an dem die Parade am Ursprungsort vorbeizog, bot das Zehnfache an Fläche für eine Milion Besucherinnen, die sich auch anderswo frei verteilen konnten).

Was ein Panikforscher unter “überschaubar” versteht, sieht man hier: ein unterbrochener Tunnel von ein paar hundert Metern ist der einzige Zugang zum Gelände. Man dachte sich, dass die einen von dieser Seite kommen, die anderen von der anderen, dass sich das Kommen und Gehen harmonisch abwechselt und ineinanderfügt. AnwohnerInnen sagen, dass es ein mulmiges Gefühl ist, durch den Tunnel  zu gehen, denn zu Fuß wirkt er einfach sehr lang.

Der Tunnel als Zugang von beiden Seiten (nicht auf dem Bild und darüber: der Hauptbahnhof)Man hat dann auch noch nicht daran gedacht, die BesucherInnen vor dem Eingang in den Tunnel zurückzuhalten, bis die, die den Tunnel passieren, ins Gelände eingelassen wurden. Beim Zugang zu anderen Veranstaltungen wird sehr wohl berücksichtigt, dass man Menschen nicht in der Enge warten lassen kann, sondern sie möglichst schnell durch ein Nadelöhr müssen.

Der Tunnel mag aus der Autoperspektive breit sein und schnell durchfahren werden, aber wenn Menschen dichtgedrängt stehen und nicht wissen, wann es weitergeht, kann Panik entstehen. Die Veranstalter plus Panikforscher putzen sich damit ab, dass ja niemand von den 19 Toten im Tunnel ums Leben gekommen ist. Denn die Menschen sind dort, wo der Tunnel unterbrochen ist, hochgeklettert und über eine Böschung nach oben gekrabbelt. Dort, wo sie klettern mussten, sieht man auch eine Leiter, was psychologisch fatal ist, da es dazu einlädt, mehrere Meter nach oben zu streben.

Als Menschen abstürzten, begann die Panik, die man dann auch auf Handyvideos im Web sehen kann. Nur Zyniker kann es aber trösten, dass niemand im Tunnel totgetrampelt wurde, denn die Bilder zeigen zugleich, wie dichtgedrängt alle warten mussten. Es ist ein Armutszeugnis für einen Panikforscher, nicht zu wissen, was passieren kann, wenn sich Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt fühlen. Dann regiert unser “Reptiliengehirn”, das ist die älteste Region des Hirns, mit dem wir uns als Beutetier empfinden, das nur kämpfen oder flüchten kann. Wir können uns mit unserem modernen Denken dann beruhigen, wenn wir über eine Situation voll informiert sind und wenn sie zeitlich sehr begrenzt ist.

Offenbar befassen sich aber manche Sicherheitsexperten und Psychologen, denen man einen großen Müllsack zur Selbstentsorgung überreichen sollte, mit fiktiven und nicht realen Menschen. Es ist daher auch kurzsichtig, den BesucherInnen Schuld zuzuschieben, denn bei so vielen Menschen und solchen Planungsfehlern (dass man überhaupt rausklettern konnte, dass Leute im Tunnel auf – für das Reptiliengehirn – unbestimmte Zeit warten mussten, dass filigran wirkende Bauzäne als Absperrung  – mit Verletzungsgefahr, wie sich dann zeigte -dienten) war die Tragödie wohl hausgemacht.

Die Verzweiflung von Polizei und Feuerwehr ist absolut verständlich, denn ähnlich wie etwa das Militär müssen sie von realistischen Parametern ausgehen. Dazu gehört nicht nur Quanfizierbares (hier müsste aber die Größe des Areals und der Zugang als Nadelöhr auch eine deutliche Sprache sprechen), sondern auch darum, Risiken aufgrund des Verhaltens realer Menschen abzuschätzen. Liegt es daran, dass diese Akteure auch immer wieder Bekanntschaft mit ihrem Reptiliengehirn machen, sich damit auseinandersetzen mussten und gelernt haben, in irgendeiner Form zu kämpfen, also nicht panisch zu flüchten?

Siehe auch
Die tödliche Love Parade

Die Bevölkerung zu Duisburg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.