Es waren einmal zwei Königskinder, die trennte mehr als ein Fluss. Als sie sich gewahr wurden, stand der Prinz einem mächtigen Land gegenüber, das die Freiheit des kleinen Landes nicht dulden wollte. Die Führer des mächtigen Landes wollten der Prinzessin immer schon habhaft werden und hatten sie auch immer wieder ins Unglück gestürzt und ihr furchtbares Leid zugefügt, weil sie sich weigerte. Sie war daher auch im genauen Sinn keine Prinzessin, hatten sie die Schergen der Mächtigen doch schon mehrmals ohne einen Cent dastehen lassen. Irgendwie konnte sie aber in all dem Leid überleben, und arbeitete nun in einer Druckerei, wo sie Illustrationen machte, aber auch bei Texten half und an der Druckerpresse einspringen konnte.
Sie lebte bescheiden in einem kleinen Häuschen, doch war sie davon geprägt, dass vieles wegen der Gegner und deren Einfluss nicht möglich war. Diese waren es nicht gewohnt, dass sich jemand ihnen nicht beugt, und verstanden nicht, dass sie nicht anders konnte. Sie konnte auch nicht anders, als alles wieder aufs Spiel zu setzen, indem sie für den bedrängten Prinzen Partei ergriff. Er sagte Nein zu etwas, das die Mächtigen wie selbstverständlich von seinem Land und anderen kleinen Staaten wollten. Sie intrigierten geschickt beim Volk gegen ihn und hatten schon erreicht, dass alle gegen ihn murrten und davor waren, sich zu erheben. Die Prinzessin, die bescheiden lebte, trat beherzt für ihn ein und legte den Menschen dar, dass sie gegen ihn aufgehetzt wurden, und sie war überzeugend.
Als er sie sah, wusste er, dass sie das andere Königskind war, und sie wusste, dass er es war, und im selben Moment wussten beide überhaupt erst, dass sie Königskinder waren. Es gelang ihm, ihr zuzuflüstern, “ich zittere, wenn ich dich sehe… ich versuche, dich heimlich zu sehen, es darf niemand etwas davon merken.” Sie nickte und meinte “ich habe Angst, dass die Gegner mich vernichten, weil ich für dich eintrat”. “Ich werde dir heimlich helfen”, sagte er und stieg auf sein Pferd, in der Hoffnung, dass diese kurze Unterredung unauffällig genug war. Und tatsächlich verlor die Prinzessin ihre Arbeit, sie kämpfte auch nicht darum, denn sie merkte, dass alle gegen sie aufgehetzt waren. Ich gebe euch nicht den Anblick meiner Tränen, dachte sie, denn natürlich bin ich verwundbar, wenn ich das schon mehrmals erlebt habe. Aber ich musste für ihn eintreten, es geht um so vieles.
Sie hielt Haus mit dem Geld, das sie noch hatte, und konnte bei einen Freund des Prinzen kleinere Aufträge verrichten. Sie streifte durch die Wiesen und Felder und sammelte Kräuter und Früchte und lernte so, ihre Nahrung aus der Natur zu ergänzen. Am Markt kaufte sie dort, wo es billig war, und ihre Kleidung flickte sie sorgfältig. Sie hoffte so sehr, dass der Prinz sein Versprechen hielt und heimlich zu ihr kam. Die Monate vergingen, er kam nicht. Sie sah manchmal Lampen in der Dunkelheit, das musste auf der Brücke über den Bach sein. Sie schienen in einem Muster geschwenkt, und sie überlegte, ob sie mit einer Lampe zurückwinken sollte – oder war das falsch? War es die richtige Reaktion, nichts zu tun, und würde er dann kommen.
Sie wurde immer trauriger und mutloser, und sie weinte jede Nacht. Er ließ sich berichten, wie es ihr ging, und versuchte ja, sie zu sehen. Aber wenn er bereits auf dem Pferd sass und in ihre Richtung unterwegs war, meldeten seine Kundschafter, dass Menschen in der Nähe waren, und das bedeutete Risiko. Denn wenn sie auch nicht Häscher der Gegner sein mochten, so bestand doch die Gefahr, dass sie den Prinzen, der verhüllt auf einem schwarzen Pferd sass, erkennen würden und dies herumerzählen. So verging immer mehr Zeit, und sie nahm schließlich allen Mut zusammen und gab einem seiner Diener einen verzweifelten Brief. Sie bat ihn darin, ihr doch zu ermöglichen, dass sie weiterlebe, sie habe immer weniger und sie leide auch immer mehr darunter, dass er es nicht wage, zu ihr zu kommen.
War der Diener zuverlässig? Der Prinz war sich nicht sicher, sodass er, um die Gegner zu täuschen, die ihn vernichten würden, wenn sie behaupten können, er interessiere sich für die Prinzessin, ihn lasse ihr Schicksal nicht kalt, ihr einen offiziellen Boten schickte. Dieser wies sie mit strenger Stimme an, es zu unterlassen, sich an den Prinzen zu wenden, andernfalls würde sie im Gefängnisturm landen. Sie starrte den Boten voll Entsetzen an, dann trat sie in ihr Häuschen zurück und weinte einen Tag und eine Nacht lang. Sie aß mehrere Tage nichts, weil sie diese Grausamkeit nicht begreifen konnte. Dann musste sie zum Markt, und wie es der Zufall wollte, kam der Prinz mit seinem Gefolge daher. Sie sah ihn bittend und verzweifelt an, die Tränen rannen ihr ruhig über die Wangen. Er sah durch sie hindurch, sie wurde von seinen Begleitern zur Seite geschoben.
Eine Marktfrau sah sie mitfühlend an und wollte wissen, welchen Kummer die Prinzessin habe, doch sie konnte nicht reden, so sehr musste sie weinen. Sollte sie diesen netten Menschen aus dem Volk die Wahrheit sagen? Würden sie ihr helfen? Was konnten sie für sie tun? Sie wusste es nicht, sie wollte den Prinzen schützen, denn sie wusste, wozu die Gegner fähig waren. Indem sie ihn schützte, wurde sie schwächer und schwächer, denn er kam nicht und er tat auch nichts, ihr Los zu erleichtern. Schließlich sollte sie eine hohe Summe an Steuern zahlen, obwohl sie doch keine richtige Arbeit hatte. Sie starrte die Boten des Gerichts an und wollte sagen, warum sie so verzweifelt ist, dann brach sie aber ab. Sie schützte den kalten und grausamen Prinzen, aber sie wusste auch nicht, was sie tun sollte.
Manchmal baten sie andere Menschen, ihr bei etwas zu helfen, das bedeutete dann, dass sie wieder für ein paar Tage zu essen hatte. Wenn sie in der Stadt war und Leute vom Hofstaat sah, bat sie diese um Hilfe, da sie doch für den Prinzen eingetreten war und deswegen in Not ist. Manche hörten ihr freundlich, doch unverbindlich zu, denn sie wusste, dass keiner von ihnen ihr helfen würde, auch wenn er es versprach. Andere stießen sie auch einfach nur weg wie eine lästige Bettlerin. Der Prinz lebte in Angst vor den Gegnern, er malte sich aus, was sie tun würden, wenn sie ihn mit der Prinzessin sehen – und sei es nur, dass er ihr, ohne sie auch nur zu berühren, Arbeit verschaffte, damit sie wenigstens ohne Angst und Sorge leben konnte. Was würden sie tun? Den Hofstaat gegen ihn aufbringen, den Bischof? Er konnte ihren Forderungen widerstehen, weil er die Prinzessin zugrunde gehen ließ.
Er verstand nicht, dass ein Land niemals frei sein kann, in dem ein Mensch einen anderen wegen der Begehrlichkeiten eines anderen Landes zugrunde gehen ließ. Dass ein Land nur frei ist, wenn alle Menschen frei leben können und ein Auskommen haben, wenn jeder Mensch frei entscheiden kann, wem er sich zuwendet. Die Prinzessin versuchte verzweifelt, genug Arbeit zu finden, um die Steuerschuld zu bezahlen, doch es ging nicht. Da warf sie sich dem Prinzen vor die Füße, als er den großen Platz überquerte, und ergriff den Saum seines Mantels. “Ich lasse dich nicht gehen, wenn du mir nicht hilfst, du kannst mich doch nicht zugrunde gehen lassen!”, rief sie. Seine Wachen ergriffen sie, und er sagte mit scharfer Stimme, “werft sie in den Gefängnisturm!”.
Die Kundschafter der Gegner waren zufrieden, er behandelte sie so kalt und grausam, wie es kein fühlender Mensch zum Schein tun konnte. Das berichteten sie ihren Herren, die dem Prinzen zugestanden, dass er sich in dieser Sache ihnen bedingungslos beugte. Im Turm war frisches Stroh aufgeschüttet, und die Prinzessin erhielt auch reichlich zu Essen, doch das war allenfalls eine indirekte und zynische Geste des Prinzen. Man entließ sie bald und nahm ihr das Versprechen ab, nie wieder auf den Prinzen zuzugehen und ihn um Hilfe zu bitten. Einmal wagte es die Prinzessin, sich an einen älteren Ratgeber des Prinzen zu wenden, sie sagte, dass sie lieber sterben würde als sich den Gegnern zu beugen und dass dieser Moment angesichts ihrer Lage auch nicht weit entfernt sei. Den Ratsherrn rührte dies nicht, und den Prinzen, dem er wohl berichtet haben wird, auch nicht.
Sie weinte jede Nacht bittere Tränen und hatte aufgehört noch zu glauben, dass der Prinz doch eines Tages käme. Gesehen werden konnte man immer, er lebte ja nicht in einer anderen Welt, und wohl sah er, wie die Gegner ihn in der Luft zerrissen. So vernichteten sie die Prinzessin, und er vernichtete sie auch, damit sie ihn nicht vernichteten. Im Land ahnte kaum jemand etwas von dieser Dramatik, und die Menschen, die wussten, dass die Prinzessin von etwas gequält wurde, erfuhren nicht, was es war. Mit jedem Tag, an dem sie den Prinzen schützte, weil sie doch nur so handeln konnte, weil sie ihn nicht verraten konnte, wurde sie schwächer und schwächer. Sie hörte auf, in die Nähe des Gefolges zu kommen, weil sie dessen Gleichgültigkeit und Grausamkeit auch sehr verletzte. Als Frau, die der Prinz einsperren liess, ward sie zudem bei manchen Menschen schief angesehen, und auf Erklärungen ließ sie sich nicht ein.
Sie verstand nicht, wie man auf Verzweiflung mit Grausamkeit reagieren kann, wie man Liebe töten und in sich einsperren kann, nur aus Angst vor anderen. Sie hatte immer gedacht, dass Liebe stärker ist als alles andere und dass man zu zweit den Weg, die Lösung findet, die ein gemartertes Hirn allein nicht entdeckt. Sie musste erkennen, dass Liebe sie ihr Leben kostete, dass sie unfähig war, Böses mit Bösem zu vergelten, dass sie weinend dastehen und alles mit sich machen ließ, ohne hinauszuschreien, was wirklich passiert ist und wie sehr der Prinz sie verraten hat. Die Männer kamen im Morgengrauen, um ihr das Häuschen wegzunehmen, in dem es kaum mehr Möbel gab, weil sie diese verkauft hatte.
“Frau, du hast deine Steuerschulden nicht bezahlt, und der Prinz hat dich einmal einsperren lassen”, verkündeten sie. “Wo soll ich hin?”, rief sie entsetzt aus und wieder kamen ihr die Tränen. Sie dachte, sie habe keine Tränen mehr, nachdem sie ganze Teiche vollgeweint hatte. “Das ist deine Sache, und nun verschwinde!”. Sie suchte ruhig ihre Sachen zusammen und überlegte, ob sie bei Menschen in der Stadt unterschlupfen konnte. Wollte sie das? Oder sollte sie einfach weggehen, egal wohin ihre Füße sie trugen. Das bedeutete, dass der Prinz sie nie sehen würde, aber das war eine dumme Überlegung, denn er hatte ihr nur Leid und Unglück gebracht, er hatte sie zugrunde gerichtet. Sie wanderte wie benommen das Tal entlang und setzte sich schließlich an einen Teich.
Wenn es ein Märchen wäre und keine wahre Geschichte, wenn es Wunder gäbe, wenn er ein Herz hätte, wenn er ein Mann wäre, dann würde sie jetzt Hufgetrappel hören und er kommt, voll Einsicht und Reue. Er würde sie weinend um Verzeihung bitten und ihr versichern, dass ihm egal ist, was die Gegner tun und denken. Er würde sagen, dass er sicher sei, das Volk auf seiner Seite zu haben, wenn er eine tugendhafte, aufrichtige, mutige Frau beschützt. Es war kein Märchen, das wusste sie. Kein Hufgetrappel, nur Stille und Vogelgezwitscher. Sie wusste nicht, ob sie noch die Kraft haben würde für dieses neue Leben. Es wäre nicht schlimm, sondern eine Erlösung, auf der Stelle tot umzufallen. Sie seufzte und stand auf, aus ihrer Heimat vertrieben, weil sie zu ihrer Heimat stand, von einem Mann aus Angst vernichtet. Sie wanderte weiter, wohin auch immer….
