Hallo, ich bin die Vulkanasche!

Runder Tisch des ORF, Freitag, 16.4.2010, ExpertInnen diskutieren wirtschaftliche Folgen des Ausbruchs des Eyjafjallajökull, dessen Vulkanasche zur Sperre des europäischen Luftraums führt. Anwesend sind VertreterInnen von Flughäfen und Fluglinien, Bundesbahnen, ein Lungenfacharzt, ein Wissenschafter, eine Metereologin, ein Moderator. Wer fehlt, ist die Natur. Da kommmt die Vulkanasche dazu, dunkelgrau, ständig die Form verändernd, mit einem breiten Gesicht:

Guten Abend, burp! (rülpst Asche auf die Schulter des Moderators) tschuldigung, kann passieren, so bin ich eben, ich bin die Natur. Ich bin Bacchus und Pan und Cernunnos und Perkunos und Ishkur und Thor (unter diesem Namen ehren mich die IsländerInnen, deren Religion Asatru ist). Ihr habt mich vergessen, ihr habt uns vergessen, ihr habt die Natur vergessen.

(lehnt sich an den Tisch, der aus dem Gleichgewicht gerät) Ihr habt keinen Platz für mich vorgesehen? Ich möchte mich hinsetzen, es war eine weite Reise hierher. (haucht dem Lungenfacharzt Aschepartikel ins Gesicht).

Na gut, dann lasst ihr mich eben stehen, ich kann euch auch so sagen, was ich zu sagen habe. Es geht nicht um Flughäfen und Fluglinien und Flugzeuge und Aktienkurse und wer profitiert, ist es die Bahn, sind es die Leihwagenfirmen, es geht um die Erde! Denkt an das Jahr ohne Sommer nach einem Vulkanausbruch, denkt an die Hunderttausenden, die danach verhungerten, denkt daran, dass ihr nichts habt als die Erde, um zu leben.

Denkt daran, zu leben statt zu rauben, zu konsumieren, zu erbeuten, schneller zu erbeuten als andere. Hört in die Stille, wenn keine Flugzeuge am Himmel sind, seht erstmals ins All ohne Kondensstreifen am Himmel. Seht die Sonne blutrot aufgehen als Warnung an euch, als letzte Warnung. Wir sind die Erde, ihr seid nur ein Teil davon. Wir sind immer stärker als ihr, wir  haben euch immer wieder abrupte Eiszeiten gebracht, von denen auch der Maya-Kalender kündet. Wir wollen euch nicht in Panik versetzen, denn dieser Kalender erzählt von etwas, das passiert ist, und hat berechnet, wann es wieder passieren könnte.

Ihr seid die Erde, wie die Pflanzen, die Steine und die Tiere, ihr habt nichts anderes als die Erde. Ihr müsst lernen, mit allem in Harmonie zu leben, besonders auch miteinander. Stattdessen knechtet ihr einander, die einen schwimmen in Geld, die anderen schuften für Hungerlöhne und in einem Monat verhungern so viele Menschen auf der Erde wie damals nach dem Jahr ohne Sommer. Ihr baut Waffen, mit denen ihr die Erde zigfach vernichten könnt, und findet das normal. Wir waren immer da, wir werden immer da sein. Wir können nicht an euren Verstand appellieren, weil dort nur Platz ist für Zahlen und Kalkül und für Pläne, einander zu übervorteilen und die Natur weiter zu zerstören.

Hört auf, an Profit zu denken, hört auf, alles haben und tun zu wollen, alles besitzen zu wollen. Geht hinaus in die Natur, achtet darauf, die Tiere nicht zu erschrecken, sammelt Müll ein, den andere in die Natur geworfen haben, kümmert euch um Tiere, die andere vernachlässigt haben, rettet Natur vor Baumaschinen, lindert menschliches Leid, lebt fortan als Teil der Erde, nicht mehr gegen sie. Hört auf mit der Selbstüberschätzung, ihr seid Teil der Natur, nicht mehr, nicht weniger. Fragt eure Tiere, indem ihr sie beobachtet, sie werden euch zu verstehen geben, dass es nichts Schöneres auf der Welt geben kann als Teil der Natur zu sein, es beinhaltet auch alle Liebe, die man erleben und geben kann.

Wir können euch nur nach der Art der alten Göttinnen und Götter warnen (die wir sind, die die Natur sind). Wir lassen euch fühlen, was es bedeutet, die Erde nicht zu achten, die Regeln zu verletzen. Ihr glaubt, ihr seid unangreifbar, weil die Erde euch nicht alle zugleich zur Rechenschaft zieht. Weil es immer welche gibt, die verschont bleiben oder die gar Profit aus der Not anderer schlagen können, die Opfer von Überschwemmungen und Erdbeben wurden. Wir können es euch auf schreckliche Weise zeigen, wir lassen das Grönlandschelf schmelzen, wir tauen den Permafrostboden auf, wir lassen den Golfstrom versiegen. Wir können euch dezimieren, wie ihr es mit so vielen Lebensräumen gemacht habt, mit Tieren und Pflanzen, mit euresgleichen.

Als die Vertreter der Gattung Mensch am Runden Tisch wieder über Aktienkurse und Krisenstäbe reden wollen, stößt die Vulkanasche noch einmal eine Menge Partikel aus, sodass alle wie mit Ruß besprenkelt aussehen und verschwindet schwebend.


Infos:

Bericht des Spiegel

Spiegel im Detail:

“In den vergangenen 120 Jahren gab es sieben derartige Eruptionen. 1991 senkte der Ausbruch des philippinischen Vulkans Pinatubo die globale Durchschnittstemperatur in Bodennähe für zwei Jahre um ein halbes Grad, Wetterkapriolen waren die Folge. Doch selbst wenn die aktuelle Eruption des Eyjafjallajökull noch einige Tage anhielte, scheint eine ähnliche Wirkung diesmal unwahrscheinlich – denn die Vulkangase wurden offenbar nicht bis in die Stratosphäre geschleudert. Neuerliche Explosionen könnten diese Höhe jedoch erreichen, dann wäre ein Effekt auf das Klima wahrscheinlich. Der gigantische Ausbruch des Laki im Jahr 1783 blockierte das Sonnenlicht über Monate erheblich: Das Klima kühlte sich auf Jahre ab, die Welt-Durchschnittstemperatur sank um mehr als ein Grad.”

Auswirkungen auf das Islandpferd: “Durch den schlimmen Vulkanausbruch auf der Insel im Jahre 1783 wurden ¾ aller Islandpferde getötet. Sie starben an Weidevergiftungen durch den Ascheregen. Der damalige Bestand von 32.000 sank auf ganze 8.500 Islandpferde.”

Global Dimming (ein Effekt, der nach 9/11 entdeckt wurde, als es in den USA einen Himmel ohne Kondensstreifen gab, und der auch messbar war, weil das Sonnenlicht ungefiltert auf die Erde strahlte. Global Dimming schwächt den Treibhauseffekt ab, neben Emmissionen hat der Flugverkehr daran Anteil)

Arktis Klimareport

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