Kein Waldheim-Effekt für Barbara Rosenkranz

Es ist nicht so einfach, etwas zu schreiben, das nicht zum von der FPÖ kalkulierten Verstärkereffekt für die Kandidatur von Barbara Rosenkranz bei den Bundespräsidentenwahlen beiträgt. Ich gehöre aber nicht zu den JournalistInnen, die am Montag vormittag die Pressekonferenz besuchen, bei der sich Rosenkranz vom Nationalsozialismus distanzieren soll.

(Einschub: inzwischen wird über diese PK berichtet, Rosenkranz sieht sich in bewährter Manier als Medienopfer, und distanziert sich bestenfalls halbherzig. Niemand fragt aber, wann sie mit ihrer germanischen Familie und dem germanischen Hund nach Auschwitz fährt und dort einen Kranz niederlegt – das wäre nämlich mal eine Handlung. Keine Fragen zugelassen, erfahre ich, sehr ungewöhnlich bei einer PK, habe ich noch nie erlebt – und alles klang nüchtern und kalkuliert, juristisch formuliert, man tut halt dem Dichand Genüge.)

Denn ich möchte weder dazu beitragen, dass es so aussieht, als interessiere das viele, noch will ich darüber berichten. Diese inszenierte Distanzierung ist vor allem eine Reaktion darauf, dass die “Kronen Zeitung”, nachdem Rosenkranz auch über Wochen in Leserbriefen bejubelt wurde. Es gab schliesslich auch eine Wahlempfehlung von Hans Dichand persönlich, der aber nun eine (möglichst eidesstattliche) Erklärung fordert.

Wenn wir lesen, dass der “Plan” bestehe, Rosenkranz am Montag etwas sagen zu lassen, dass eine Erklärung “angekündigt” wird, sollten wir dieses unwürdige Spektakel ablehnen. Denn die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust ist eine Sache, die man an einem Wochenende abhandeln kann, wie wenn man einen Kurzurlaub macht oder ein neues Hobby ausprobiert. Da Rosenkranz so tut, als sei Zeitgeschichte nur lästiger Stoff in der Schule, wäre es allerdings tatsächlich etwas ganz Neues, würde sich die Kandidatin mit einem Stapel guter historischer Bücher zurückziehen (meine Empfehlung u.a. “Nie wieder!” von Martin Gilbert, “Auschwitz” von Laurence Reese und die Biografie von Irene Harand, einer frühen Gegnerin Hitlers).

Die Frau mit der “arischen Bilderbuchfamilie” samt deutschem Schäferhund mit deutschem Namen kann nicht ungeplant und unangekündigt Stellung nehmen, nicht spontan, aus der Seele, aus dem Herzen, aus der Persönlichkeit, die sich mit historischer Verantwortung auseinandergesetzt hat. Somit ist jede Erklärung wertlos und verdient keinerlei Aufmerksamkeit, denn es geht einzig um Handlungen, im Alltag und gegenüber den Opfern des NS-Regimes, im Andenken an die Opfer. Es geht auch darum, wie jemand mit Menschen umgeht, die heute stigmatisiert werden, denen Rechte verweigert werden. “Vergangenheitsbewältigung” kann jedenfalls nicht an einem Wochenende stattfinden, sollte die FPÖ das suggerieren wollen.

Denn der Erwerb von Wissen und dessen Integration in das Selbst verläuft in diesen Schritten, die sich über Monate oder Jahre ziehen und schmerzhaft sein können, je nach dem Ausmaß von Schuld, aber auch Verdrängung in der eigenen Familie:
* Wissen wird gesammelt, es sind historische Fakten
* der Mensch versucht, die Bedeutung der Fakten zu verstehen, sie selbst zu beurteilen
* er reagiert darauf emotional
* daraus entwickelt sich eine Einstellung zur Geschichte
* der Mensch ist bereit, daraus Konsequenzen zu ziehen
* er ist bereit, entsprechend zu handeln, er hat das Wissen, seine Gefühle und seine Schlussfolgerungen in die Persönlichkeit integriert, in sein “moralisches Selbst”

Aus diesen Stufen wird klar, dass Rechtsextreme nicht einmal den ersten Schritt absolvieren, weil sie keines der vielen eindrucksvollen Bücher lesen werden, die seit 1945 veröffentlicht wurden. Sie greifen zu revisionistischer Literatur, die nicht zufällig auch jener Verlag publiziert, in dem Rosenkranz und Martin Graf ihre Bücher herausgebracht haben. Rechtsextreme gehen den einfachsten Weg, denn sie ersparen sich den heilsamen Schmerz, den etwa Malte Ludin und seine Geschwister auf sich nahmen, als Malte, der jüngste Sohn des hingerichteten Kriegsverbrechers Hanns Ludin, den Film “2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß” drehte.  Zuerst schrieb Alexandra Senfft, die Tochter von Maltes ältester Schwester Erika, das Buch “Schweigen tut weh”. Nach dem Tod von Mutter Erla wagte sich Malte an seinen Film. Beide Werke werden so beschrieben: “Es sind zwei in ihrer Unerschrockenheit und in ihrem persönlichen Offenbarungsdrang berührende und aufrüttelnde Arbeiten. Schmerz spricht aus ihnen, er zeigt, wie seelische Versehrung vererbt wird und als Trauma in den Nachkriegsgenerationen weiterwirkt. Das gilt nicht nur für die Kinder der Opfer, sondern auch für die der Täter. Hanns Ludins Lebensstationen sind gut dokumentiert und seinen Kindern bekannt. Dennoch trägt jedes seine eigene Sicht auf den Vater in sich, suchte jedes seinen eigenen Weg, mit dem Vater fertig zu werden.”

Ludin war in einer nationalsozialistischen Zelle in der Reichswehr und wurde deswegen zu einer Haftstrafe verurteilt. Als Hitler an die Macht kam, konnte er Karriere machen, überlebte 1934 als einer von wenigen SA-Führern den Röhm-Putsch. “Keine zehn Jahre nach seinem Parteieintritt war Hanns Ludin Diplomat. Im Januar 1941 wird er Botschafter, also ‘Gesandter I. Klasse und Bevollmächtigter Minister des Großdeutschen Reiches’ in der vom ‘Dritten Reich’ abhängigen Slowakei – was einen Jahresverdienst von 47 500 Reichsmark bedeutete. Die Familie zieht nach Pressburg (heute Bratislava) und genießt ein schönes, friedliches, wohlständiges Leben in einer der wenigen Ecken von Europa, in die der Weltkrieg kaum drang. Noch im April 1945 feiert Ludin den Geburtstag des Führers. Die Villa, in der sie wohnen, war ‘arisiert’. Man hatte sie einem Juden, dem slowakischen ‘Bierkönig’ Stein weggenommen.

“Ein entscheidendes Merkmal, das den deutschen vom italienischen oder spanischen Faschismus unterscheidet, ist nach dem britischen Historiker Laurence Reese die Tatsache, dass vieles eben nicht genau geregelt oder vorgegeben wurde, um dann im Wildwuchs des Gehorsams gegenüber dem Regime umso schrecklichere Wirkung zu entfalten.” (Aus einem Artikel über Jugendkonzentrationslager)

Malte Ludin lässt im Film seine älteren Schwestern ihre sonnigen Erinnerungen an das Haus, den Garten und an das Personal schildern. Parallel kommt Juraj Stern zu Wort, ein vertriebener Nachbarsjunge der sich als Kind in einem Stall verstecken musste, wo er in einem Futtertrog, nur mit Heu bedeckt schlief. Er war den ganzen Tag allein, bis auf ein paar Minuten, wenn der Bauer mit Essen und Ermahnungen kam: ‘Nicht schreien! Nicht weinen! Still halten!’ Nach dieser Tortur hat er noch bis zu seinem 18. Lebensjahr gestottert. 60 000 bis 70 000 Juden sind in der Zeit, als Hanns Ludin Gesandter war, politische Verantwortung trug und entsprechende Befehle unterschrieb, aus der Slowakei deportiert und in Vernichtungslagern ermordet worden. Unter ihnen sind die Eltern, die Schwester, die Großeltern, Onkel, Tanten und Freunde des Schriftstellers Tuvia Rübner. Malte Ludin setzt sich in seinem Film der Begegnung mit Tuvia Rübner aus.

Er wurde 1924 in Pressburg geboren, seine Muttersprache war deutsch, er besuchte deutsche Schulen, bis Juden dort nicht mehr zugelassen waren. Es blieb ihm die Möglichkeit einer landwirtschaftlichen Ausbildung bei einer zionistischen Jugendorganisation. Ihr hat er es zu verdanken, dass er 1941, im Alter von 17 Jahren und mitten im Krieg, zusammen mit ein paar Kameraden und seiner ersten Liebe gerade noch rechtzeitig über Ungarn, Rumänien, die Türkei, Syrien und den Libanon in einen Kibbutz nach Palästina fliehen konnte; auf dem Bahnhof in Bratislava sah er seine Eltern zum letzten Mal.

FPÖ-Deutsch

Als Malte Ludin den immer noch im selben Kibbutz lebenden Poeten trifft und ihm sagen muss, wessen Sohn er ist, bröckelt der Mut. ‘Dann ist es Ihr Vater, dem meine Eltern, meine ganze Familie zum Opfer gefallen sind’, sagt Rübner. Und Malte Ludin nickt erst heftig, will das dann aber doch nicht so stehen lassen:’”Also er ist nicht direkt, exekutiv verantwortlich für die Deportationen gewesen.’ Selbst bei dem unerschrockenen Malte Ludin greift der fadenscheinige Entlastungsreflex, den er seinen Schwestern nicht durchgehen lässt. Er hat lange überlegt, ob er diese Szene in seinem Film verwendet. Er macht ihn glaubwürdiger, indem er sich dafür entscheidet.

Die Frage, ob ein Schreibtischtäter weniger Schuld auf sich lädt als jemand, der sich die Hände selber schmutzig macht, wird überlagert von einer anderen: Hat Hanns Ludin gewusst, dass er die Deportierten in den Tod schickt? An diesem Punkt – es ist der wunde – scheidet sich die Familie. Die einen sagen, Hanns Ludin habe nicht geahnt, was mit den Juden geschieht; das war die Version von Hanns Ludins Frau Erla, die wie ihr Mann nicht gewusst habe, was Vergasen sei. Sie hielt das für Gerüchte und Propaganda der Exiljuden, was ihr, wie sie sich erinnert, nur gezeigt habe, dass man noch nicht genug von ihnen eingesperrt hatte.

Die anderen – Malte Ludin und Alexandra Senfft gehören dazu – sagen, dass ein derart ranghoher Vertreter des Dritten Reichs, der in ständigem Kontakt mit dem Auswärtigen Amt stand, wusste, was er tat, wenn er seinen Namen unter einen Deportationsbefehl setzte. …. Für Alexandra Senfft ist erwiesen, dass ihr Großvater ‘aktiv an einem industriellen Massenmord, dem größten aller Menschheitsverbrechen’ beteiligt war. Und sie wiederholt dies in ihrem Buch oft, so als müsse sie sich jeden Zweifel verbieten. ‘Mit ,100 %-iger Lösung’ meinte mein Großvater gewiss nicht ,Aussiedlung’ und ,Arbeitslager’. All diese Euphemismen dienen lediglich dazu, ein mörderisches Großunternehmen in einer verschlüsselten Sprache minutiös zu dokumentieren – und der Nachwelt, hier meiner Familie, Interpretationsschlupflöcher zu schaffen.’ Wie sich diese Schlupflöcher in verschiedenen Abstufungen zu blinden Flecken und zu Lebenslügen ausweiten, kann man in Malte Ludins Film miterleben. Die verschiedenen Vaterbilder der Geschwister – von der Ikone bis zum Schreckensbild – prallen in schmerzhaften, scheinbar unversöhnlichen Auseinandersetzungen aufeinander.”

Aus der Facebook-Gruppe HC Strache (Deutschkurse für “Inländer”?)

Warum gibt es die Gruppe”Gegen Barbara Rosenkranz als Bundespräsidentin”Gegensatz zur den anderen Parteien hat die FPÖ einen Kantaten aufgestellt !Jetzt wo die Barbara Rosenkranz alls Bundespräsidentin antritt , werden Sachen hervorgehoben die vor über 20 Jahr vorgefallen sind !Mann ist nicht gezwungen die Barbara Rosenkranz zur wählen .Ich würde mich freuen wenn noch wehr bei der  Bundespräsidenwahlantritt,So ist sicher die Wahl
spanenter.Grundgenommen hat fast jeder Politiker irgendwo Treck am Stecken
.”

In einer Szene, wo eine der Schwestern meint, der Vater habe ja einfach an Hitler geglaubt, als ob das seine größte Verfehlung gewesen wäre, erkennen sicher viele, die sich ehrlich mit der Geschichte auseinandersetzen, die Haltung wieder, die danach gerne eingenommen wurde. Eine Lehre, die Hitlers Anhänger zogen, war nicht, dass sie selbst hätten beurteilen müssen, was sie tun und woran sie glauben sollen, sondern dass sie dem falschen Führer hinterherliefen. Daher lehnen sie jedes Engagement für etwas ab, weil dies ja bedeuten könnte, dass wieder jemand falschen Führern folgt. Die große Tragik der NS-Zeit ist für sie nicht, was sie getan und ermöglicht haben, sondern woran sie geglaubt haben.

Dies ist eine weit verbreitete Haltung in unserer Grosselterngeneration, sodass die Präsenz von Barbara Rosenkranz durchaus etwas in vielen Menschen aus der Kinder- und Enkelgeneration anklingen lassen kann. Eben weil sie nicht die Haltung eines reifen Menschen einnimmt, der sich mit Geschichte und Verantwortung auseinandergesetzt hat, sondern die bequeme “falscher Führer”-Ausrede anbietet. Allerdings geht es wohl zu weit zu befürchten, es könne wieder einen Waldheim-Effekt geben. Diese Ansicht vertritt aber beispielsweise Richard Schmitt in “Heute”, und er verweist darauf, dass damals Waldheim-Gegner auf Berichterstattung in internationalen Medien setzten, was die berüchtigte “Jetzt erst recht!”-Reaktion bewirkte.

Die FPÖ wird aber genau damit spekulieren, denn Strache gab “Haaretz”, einer israelischen Zeitschrift, ein Interview mit gezielten Provokationen. Wer Näheres wissen will (da ich nicht als Verstärkerin fungieren will), kann in “Österreich” lesen, dass er beispielsweise (wieder einmal, gähn) den EU-Beitritt dem “Anschluss” gleichsetzte. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass 1986 viele Kriegskinder erst begannen, den Eltern wirklich kritische Fragen zu stellen, angeregt auch durch die Diskussion um Waldheim (und mehr noch insistierten die Enkel). Seither sind sehr viele Bücher erschienen, es gab Begegnungen zwischen den Kindern und Enkeln von Opfern, Tätern und Mitläufern, immer mehr Menschen (sehr oft sind es Frauen) stellen schmerzvolle Recherchen über die Verstrickung der eigenen Familie an (und sei es, dass diese einfach zusah und partizipierte, ohne jemanden zu denunzieren oder zu töten).

Es ist fast unerträglich, am internationalen Frauentag etwas über Barbara Rosenkranz zu schreiben, daher hier ein paar Tipps, bei denen es um Frauen und ihr Überleben oder ihre Auseinandersetzung mit der Geschichte geht:

Frauen im Holocaust
Weiblicher Widerstand, Frauen in der Roten Kapelle
Ute Scheub über ihren Vater
Das Leben von Franci Epstein
Mascha Rolnikaite und Edith Velmans-van Hessen
Das Leben der Lilli Jahn
Alma Rose Wien 1906 – Auschwitz 1944
Cato Bontjes van Beck – Tod im Widerstand

Täterinnen:

Frauen in der SS

Aufseherinnen in Konzentrationslagern

Hitlers Helferinnen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.