Sobald es wärmer wird, beginnen die Katzen zu jagen, und sind sofort erfolgreich: Baghira kommt mit einer Amsel im Maul und will in die Wohnung, nicht um mir seine Beute zu schenken, sondern um sie in Ruhe zu zerlegen. Der Vogel lebt noch, Baghira knurrt mich an, als ich das Tier retten will. Das kenne ich schon, sicher kann ich ihm nur Schlangen abspenstig machen, denn die sind “unhandlich”, die muss er hinlegen.
Er bringt jedes Frühjahr ein paarmal junge Schlangen, die sich auf Steinen wärmen und noch nicht schnell genug sind, ihm zu entkommen. Ich trage sie dann wieder hinaus und lasse sie dort frei, wo der Kater wahrscheinlich nicht hinkommt. Manchmal begegnen sie mir dann, mittlerweile einen Meter lang. Baghira lässt die Amsel doch los, ich nehme sie und animiniere sie zum Fliegen. Sie scheint noch etwas benommen zu sein, kein Wunder bei dem Schock. Athos läuft ihr nach, springt in den Graben, macht einen Satz in die Luft und hat sie erwischt., Nun kann ich ihr nicht mehr helfen, denn da komme ich nicht hin.
Die Kater lassen die Amsel im Gras sitzen, sie versucht nicht mehr zu fliehen, sie scheint dann an dem Schrecken zu sterben, diesen Raubtieren ausgesetzt zu sein. Ich bin wütend auf die beiden, aber, das ist Natur. Die Katzen haben sich perfekt eingefügt in die “Wildnis” vor der Haustüre, ihren “Dschungel”, der aus etwa 1000 m2 Dickicht besteht. Nachts ziehen sie noch weitere Kreise, werden jedoch auch tagsüber gelegentlich außerhalb des “Dschungels” beobachtet. Als Jäger sind sie tödlich effizient: kaum habe ich sie draussen beim Spazierengehen gesehen (wenn keine Hunde unterwegs sind, wollen sie mich sogar begleiten), sind sie mit Beute zu Hause im kleinen Garten.
Athos, der sein Kommen immer ankündigt, spricht dann mit vollem Mund, sodass ich schon höre, dass er etwas mitgebracht hat. Seine Lieblingstiere sind Feldhamster, die es hier en masse gibt. Vermutlich ist ihre Population in unmittelbarer Umgebung aber nicht mehr so gross wie früher, da der Kater im Sommer schon mal einen oder zwei am Tag erlegt, manchmal tagelang keine, aber eben oft doch welche. Man hat kaum eine Chance, Feldhamster zu sehen, weil sie sofort im Gebüsch oder in ihren Erdlöchern verschwinden. Umso erstaunlicher ist es, wie rasch Athos sie fangen kann. Beigebracht hat es ihm niemand, oder wenn, dann Baghira, der als Kätzchen wohl ausgesetzt wurde, denn er wurde halbverhungert auf der Schmelz gefunden.
Baghira hat anderen Katzen schon, sehr zur Verblüffung zahlreicher zweibeiniger Zuseher, Jagdunterricht erteilt. Er hat eine Maus gefangen (es gibt auch sehr viele Mäuse in der Gegend) und sie dann laufen lassen. Andere Katzen sollten sie erlegen und verzehren. Mit der Pfote anstupsen geht gerade noch aber, “soll ich das essen?”. Irgendwann verlor er die Geduld, schnappte sich die Maus und frass sie. Athos hat, als er sich die Freiheit erkämpft hat (durch unter dem Zaun durchschlupfen, über den Zaun klettern, bis ich es ihm seufzend erlaubte), bald die ersten Feldhamster mitgebracht. “Der wird doch nicht…?” dachte ich zuerst besorgt, weil manche Leute Käfige mit Meerschweinchen oder Kaninchen zeitweise ins Freie stellen – es könnte doch auch mal ein Hamster darunter sein…
Google hat mir aber gleich verraten, dass Hamster mit schwarzem Fell am Bauch wildlebend sind, aus Asien zugewanderte und in Wien besonders in Favoriten und Simmering heimische einzelgängerisch lebende Tiere sind. Nach ein paar Hamstern, die einfach auf den Fussboden vor der Küchenzeile gelegt wurden, hörte ich eines Tages, gerade am Computer sitzend, verräterische Geräusche. Wenn man sich auf etwas anderes konzentriert, ordnet man sowas nicht sofort ein, aber es war eindeutig, dass Athos offenbar dabei ist, dem Hamster das Fell abzuziehen und ihn zu verspeisen. Tatsächlich! Ich wischte das Blut am Boden weg und beseitigte die Reste. Athos legte sich hin und war völlig weggetreten, er musste offenbar erst verarbeiten, dass er zum ersten Mal Beute verspeist hat.
Gandalf und Blume jagen wenn, dann dezenter und weit seltener – oder gar nicht, denn wenn ich einmal rohes Fleisch kaufe, zerren es Athos und Baghira beinahe aus der Packung, wie wenn sie Blut geleckt hätten. Die beiden anderen interessiert es weniger, ihnen ist das übliche Futter lieber. Jagende Katzen treffen den Nerv mancher Menschen, als ob wir nicht auch Raubtiere wären, als ob wir uns nicht genau deswegen Hunden und Katzen so nahe fühlen. Gänzlich absurd sind Jäger, die Haustiere töten, weil diese ebenfalls jagen – welcher Jäger ist bitteschön scharf auf Mäuse, Ratten oder kleine Vögel? Katzen sind also keine Konkurrenz und erfüllen, da es einst viel mehr Wildkatzen gab, durchaus ihre Funktion in der Natur.
Katzen sind ungeheuer gelassen, aber auch konzentriert – sie geben alles, wenn sie jagen, verschwenden aber keine Energie mit Imponiergehabe und ernstem Kampf, wenn sie relaxen können. Sie erinnern uns daran, dass auch wir dies einmal konnten, dass es darum geht, wenn so gerne davon die Rede ist, dass Menschen (meist explizit Männer) Jäger sind. Leere Rituale, bei denen so getan wird, als setze sich der Mensch (Mann) für etwas ein, haben nichts mit dem Jäger-Sein zu tun und auch nicht mit Kampf. Katzen müssen alle Sinne einsetzen und den richtjgen Moment abwarten, wenn sie, auf die Jagd angewiesen, überleben wollen.
Der Aufwand, zu Beute zu gelangen, muss in einer ausgewogenen Relation dazu stehen, was dadurch an Sättigung des Hungers möglich ist. Katzen in allen Größen werden kaum von anderen Tieren darin übertroffen, effizient zu jagen, brauchen aber viel Zeit zur Regeneration, denn bei ihrer Art des Beutemachens ist der Ernegieaufwand auch sehr hoch. Für Katzen bedeutet es, ganz Katze zu sein, denn nur dabei kann sie all ihre Sinne einsetzen. Wir können von Katzen lernen, dass unnötiges Machogehabe weder etwas mit Jagd noch mit Kampf zu tun hat, sondern die Vermeidung von beidem ist. In Situationen, wo der ganze Mensch (Mann) gefordert ist, gibt es keine überflüssigen Aktionen oder Gesten, sondern es kommt auf alles an. Jede Sekunde zählt, jede Entscheidung kann nur die sein, ganz zu sein – weil man nur in der Ganzheit reüssieren kann….


