Nachdenken über Johanna Dohnal

Überwältigend viele Trauerbekundungen sowohl als Presseaussendungen von PolitikerInnen und Organisationen als auch auf Facebook (unter anderem in einer Kondolenzgruppe) sind auf den Tod von Johanna Dohnal am 20.2.2010 gefolgt. Dabei mischen sich jedoch, besonders bei Postings zu bemerken, auch kritische Töne in die Betrachtungen, was sich in einem Blogeintrag von Andreas Unterberger widerspiegelt. In gewisser Weise ehrt er Dohnal sogar, macht er sie doch zur Politikerin, deren Wirken die Nachkriegspolitik am meisten (negativ) beeinflusste.

Kann es sein, dass der Herr Journalist, der stets ein Mehrfaches von hart arbeitenden BerufskollegInnen verdiente, mal den Müll selber raustragen oder eine Maschine mit Wäsche füllen musste? Johanna Dohnals Verdienste liegen ja nicht nur in (abstrakt klingenden) ausformulierten Regelungen und Gesetzen, die die Stellung der Frauen verbessern, sondern mindestens ebenso sehr im Gespür für den Frauenalltag. Sie konnte erstrittene Beträge in Liter Milch und Viertel Butter umrechnen, schrieb einmal Elfriede Hammerl, die auch vermutete, dass Dohnal wegen dieser Lebensnähe 1995 die Regierung verlassen musste. Es war, als Sparpakete wegen der Maastricht-Kriterien des EU-Vertrags erforderlich waren, nicht mehr so opportun zu wissen, wie es der Frau auf der Strasse geht.

In einem ihrer letzten Interviews gestand Dohnal ein, dass auch sie sich zu viel gefallen habe lassen und sich, würde sie alles noch einmal erleben, mehr zur Wehr setzen würde. Dies mag jene erstaunen, die sie ohnehin immer als sehr tough erlebten – so wurde sie auch in einem Porträt dargestellt, das der ORF über das Wochenende produzierte und Sonntag abend ausstrahlte. Einigen fiel auf, dass jene Ausschnitte aus ihren früheren Auftritten verwendet wurden, in denen sie davon sprach, etwas gegen die Männer durchzusetzen oder wo es um Anfeindungen durch Männer ging.

Freilich stammte der Film auch von Männern, die jedoch dieses Bild durch Interviewpartnerinnen ein wenig korrigierten (Barbara Prammer, Gabriele Heinisch-Hosek, Maria Rauch-Kallat, Maria Fekter, Madeleine Petrovic, Traudl Brandstaller, Erika Pluhar). Als “passende” Draufgabe folgte dann ein Film zum 50jährigen Jubiläum der Barbie-Puppen, also der Verkörperung von Klischees, gegen die auch Johanna Dohnal kämpfte (diese Puppen vermitteln heute übrigens, durch die Menge an Zubehör, noch mehr Klischees als früher). Nunja, Dohnal wurde dafür angefeindet, Selbstverständliches zu fordern – dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben, gleich ernst genommen werden, einander auf Augenhöhe begegnen.

Johanna Dohnal und Susanne Feigl

Wenn Selbstverständliches verweigert wird oder man(n) sich darüber lustig macht, muss frau eben lauter werden und kämpfen. Bei anderen Gruppen würden Männer diese Reaktion logisch und vernünftig finden, bei Frauen hingegen…. sehen manche sich immer noch ganz persönlich be(ge) troffen, geht es doch um Machtverhältnisse. Trotz Quotenregelung – für die sich auch Johanna Dohnal im Sinne eines Reißverschlußprinzips bei der Listenerstelllung stark machte – ist die SPÖ eine Partei, in der Männer Inhalte und Politikstil vorgeben. Wenn Frauen Positionen und Strategien selbst definieren und eigene Ambitionen haben, empfinden es manche immer noch als ungehörig und leicht als “aggressiv” und “egoistisch”.

Natürlich ist nicht ein Hauch von Egoismus dabei, wenn Männer etwas vertreten, selbst wenn sich Auseinandersetzungen um Banalitäten drehen und an Sandkistenstreitereien erinnern. Viele Frauen (und Männer) sagen nun, dass sie praktisch mit Johanna Dohnal aufwuchsen, politisches Bewusstsein entwickelten, durch ihr Beispiel den Mut hatten, einen eigenen Weg zu gehen (es ist für Männer auch nicht so einfach, die Macho-Sandkistenkraftmeiereien abzulenken und sensibel, konsequent und stark zu agieren und Frauen dabei auf Augenhöhe zu begegnen).

Als sie 1979 Staatssekretärin wurde, war ich 16 und durchaus schon eine Emanze, ohne mich noch so zu nennen. Vorbilder gab es für Mädchen nicht so viele, außer in Büchern, aber das waren Romanfiguren. Natürlich war die Schirennläuferin Annemarie Moser beeindruckend, und ich wusste, dass bei den Expeditionen meines Onkels auch die polnische Bergsteigerin Wanda Rutkiewicz dabei war. Aber sonst? Erstmal war wichtig zu wissen, dass wir alle, Männer wie Frauen, ein Recht auf unser Leben und unsere Träume haben und keine/r gegenüber den anderen benachteiligt werden sollte.

Politisch fand ich Dohnal nicht so radikal, wie viele es erlebt haben mögen, denn ich setzte mich beispielsweise mal für eine 100% Frauenquote ein (was in einer gemischten Partei eine interessante Erfahrung hinsichtlich der Reaktionen auf diesen “Machtverlust” für Männer ist). Dass Frauen jeden Politikbereich eigenständig gestalten können, war mir und anderen Frauen klar, wir lernten miteinander und hatten in gewisser Weise einander zum Vorbild. Mitten in der althergebrachten, verknöcherten Männerpolitik stach natürlich “die Dohnal” heraus. Wie schwer sie es hatte, war von außen klarerweise nicht ersichtlich, und sie verbarg ihre Wunden auch gut.


Der Unterschied heißt Dohnal“:
“Wo sind die Politiker, die den Themenkomplex Zuwanderung/Asyl ohne linken und rechten Populismus in Angriff nehmen? Wo sind die Politiker, die über ein Bildungssystem jenseits von Standes interessen nachdenken? Und über die Transformation der Wissensgesellschaft in der digitalen Medienwelt? Wo sind die Politiker, die eine Johanna Dohnal des 21. Jahrhunderts zur Ministerin machen?

Diese Politiker gibt es nicht. Bundeskanzler und Vizekanzler bleiben brav in jenen Geleisen, die von Meinungsumfragen und Boulevard vorgegeben werden. Sie holen sich keine gesellschaftspolitischen Vorreiter ins Team, sondern brave Problemverwalter. Die großen Fragen der Zeit finden nicht nur keinen Eingang in die Regierungspolitik, sie werden nicht einmal diskutiert. Wäre Johanna Dohnal 30 Jahre jünger, müsste sie froh sein, einen Parlamentssitz zu ergattern. Von Ministerwürden keine Spur. Sie habe dafür gesorgt, dass es junge Frauen heute leichter haben, hieß es am Wochenende in Nachrufen. Stimmt. Doch visionäre Politiker(innen) haben es heute schwerer.”

Johanna Dohnal und Elfriede Hammerl

Sie verlor auch kaum Worte zu ihrem unfreiwilligen Abgang und sagte meiner Erinnerung nach erst sieben Jahre später, bei der Präsentation ihrer Biografie, dass der Rücktritt erzwungen war. Diesen nahm Kanzler Vranitzy, der aus dem Staatssekretariat ein Frauenministerium machte, ohne Angabe von Gründen vor. Wenn Kanzler den Bundespräsidenten ersuchen, einen Minister zu entlassen, wird es nicht derart unspektakulär über die Bühne gehen, da Männern doch ein gewisser Respekt erwiesen werden muss, und sei es nur, eine nicht verletzende Rechtfertigung zu finden, mit der alle irgendwie leben können.

Ein Unterschied ist auch, dass sich Männer nach der Zeit in der Regierung nicht über zu wenig Angebote beklagen können. Ihre Erfahrungen sind gefragt, sie können noch allerlei Funktionen ausüben, in denen ihnen ihre Kontakte weiterhin nützen und wo sie eventuell auch eine weitere Karriere aufbauen, je nachdem, wie es sich ergibt. Johanna Dohnal aber würde im Alter von 56 Jahren zur Frühpensionistin. Gefragt war sie durchaus, bei engagierten Frauen, bei den Frauen in ihrer Partei, beim Frauenvolksbegehren 1997, beim Widerstand gegen Schwarzblau 2000. 1999 erschien ein Buch über ihre Regierungsjahre (“Johanna Dohnal – eine andere Festschrift”), auch pünktlich zum 60. Geburtstag. 2008 wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet (eine von vielen Gelegenheiten, über sie zu berichten).

Johanna Dohnal lebte schon seit längerem mit ihrer Lebensgefährtin Annemarie Aufreiter im Weinviertel und konnte noch von der seit 1.1.2010 möglichen “Verpartnerung” Gebrauch machen. Sie hat sich bis zuletzt engagiert, ihr letzter Auftritt war für die Fristenregelung und ist auf Video abrufbar. Meine Teenagerzeit kannte noch eine weitere Emanze (und  Alice Schwarzer war natürlich auch ein Begriff), nämlich Eva Deissen mit ihren Kolumnen in der “Kronen Zeitung”. Deissen schreibt heute in der Zeitung “Heute” unter dem sarkastischen Titel “Eine Emanze als Ikone ist eine gute Emanze”, dass viele der salbungsvollen Worte nach Dohnals Tod seltsam erscheinen, da sie von jenen kommen, die sie zu Lebzeiten mehr achten, ehren und würdigen hätten sollen.

Deissen ist besonders hart zu Frauen, was absolut verständlich ist, wenn frau selbst erlebt hat, wie feige Frauen sein können, statt andere zu unterstützen: “Jetzt schleimen auch Damen vor Betroffenheit, die zu Johanna Dohnals kämpferischer Zeit das Wort ‘Emanze’ als Schimpfwort verwendeten, um bei der heiß geliebten Männerwelt nur ja nicht als ‘so eine’ dazustehen.” Ikone ist eine durchaus passende Bezeichnung für den Umgang mit Dohnal, meint Deissen, denn sie steh für ein stummes Heiligenbild (das vom eigenen Handeln entbindet, denn man kann ja bedauern, dass Dohnal nicht mehr stellvertretend kämpft und überhaupt ist so eine wie sie ja ohnehin unerreichbar).

“Wie hat man es ihr zu Lebzeiten gedankt? Mit einem brutalen Rausschmiss aus ihrem Amt als Frauenministerin durch den damaligen Kanzler Vranitzky, angeblich inspiriert durch seine Gattin Christine. Man hat Johanna Dohnal viel später dann mit Orden und Professorentitel bedacht. Ein schwacher Trost. Ich habe sie in den letzten Jahren nicht oft gesehen, aber wenn, dann nie mehr mit fröhlichem Gesicht. Sie hat sich das alles eben sehr zu Herzen genommen.” Und, sollte man ergänzen, letztes Jahr ihren Sohn verloren, was auch sehr erschütternd gewesen sein muss. Frauen können offenbar Politik nach wie vor indirekt über Männer beeinflussen (wenn Frau Vranitzky Herrn Vranitzky zu diesem Schritt veranlasst hat).

Wenn Deissen recht hat und Dohnal den Abgang aus der Regierung nie verwunden hat, dann nicht, weil sie nicht mehr regiert. Schliesslich sind seither viele MinisterInnen gekommen und gegangen, es gab mehrere Kanzler. Es wird die Art und Weise gewesen sein, ohne Begründung, ohne das Eröffnen einer anderen Perspektive (eines hängt mit dem anderen zusammen, wer keine Worte verliert, wird sich auch nicht überlegen, wie jemand seine / ihre Erfahrungen abseits eines Regierungsamtes einbringen kann). Frauen und Männer, die aus ihrer individuellen Sicht vorzeitig aus der Regierung ausscheiden, sehen es durchaus ambivalent: es bedeutet einen massiven Gewinn an Lebensqualität, an Ich-Sein-Können, entfernt aber auch vom durchaus faszinierenden tagespolitischen Geschehen (an dem jene PolitikerInnen noch teilhaben, die danach Abgeordnete sind). Wichtig ist daher, die gewonnen Erfahrungen auch weiter einbringen zu können – was Johanna Dohnal verwehrt wurde, obwohl es frauenpolitisch damals wie heute mehr als genug zu tun gibt….

Eine Antwort auf diesen Artikel.

  1. Veröffentlicht von Franz Andrich am Februar 24, 2010 um 11:28 vormittags

    Johanna Dohnal wurde von Kreisky in die Regierung geholt und mit ihr begann der Umbau der Gesellschaft mit allen ihren Verkrustungen, aber auch mit dem Verlust von unersetzbaren Werten. Die Gleichberechtigung der Frau sollte Stossrichtung und Zielsetzung sein, aber es verselbständigte sich diese feministische Bewegung und Teile von ihr, die später an Bedeutung bis heute gewinnen sollten, veränderten die Zielsetzung. Heute herrscht vielfach Männerhass und der feministische Wunsch der Vorherrschaft der Frauen, also eine Art Neomatriarchat, welches den Mann als Fehler der Evolution hinstellt. Johanna Dohnal findet nicht nur Anhänger, sondern auch ihre Kritiker, von Anfang an, bis heute und über ihren Tod hinaus. Kreisky hat mit seiner Staatssekretären Dohnal den Wandel der Gesellschaft losgetreten, der wie eine Lawine nicht mehr zu stoppen ist und auch seine Verwüstungen an Ethik und Moral hinterlassen hat und noch weiter hinterlassen wird. Dohnal hat für ihre Überzeugung, die ich nie geteilt habe, nie teilen werde, deren erbitterter Gegner ich bleibe, tapfer gekämpft. Möge sie in Frieden Ruhen.

    Antwort

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