19. Februar 2000

Nun ist der Tag der Grossdemonstration gegen die am 4.2.2000 angelobte schwarzblaue Regierung zehn Jahre her. Wir können uns daran erinnern, was wir damals getan und gedacht haben und natürlich Revue passieren lassen, was seither geschehen ist. Besonders interessant ist es aber, einfach das noch einmal auf sich wirken zu lassen, was an jenem Tag dokumentiert und notiert wurde. Erfreulicherweise ist vieles auch noch im Web abrufbar, sodass man zu unterschiedlichen Schilderungen und Perspektiven gelangt.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem Berichten und Fotografieren genau geplant werden musste, da es mehrere Aktionen gab, die dann in der Grosskundgebung am Heldenplatz gipfelten. So viele Menschen waren nur beim Lichtermeer gegen den FPÖ-Rassismus im Jänner 1993 auf den Strassen Wiens gewesen, um ein Zeichen zu setzen. Der Februar 2000 war relativ mild, was den zunächst täglichen Demos zugute kam, bei denen stundenlang durch die Stadt gegangen wurde. Am 19.2. war es aber kalt und regnerisch, was die Berichterstattung natürlich zu einer Herausforderung machte. Die ereignisreichen Zeiten damals bedeuteten, Demos und größere Veranstaltungen immer auch sofort zu dokumentieren, also: ins Büro. Bilder bearbeiten, Bildergalerien anlegen, Texte verfassen, recherchieren, was andere sagen….

Transparent am Burgtheater

19.2.2000

Zuerst gab es eine Aktion von Frauen vor dem Burgtheater / im Burgtheater:

Da die Frauenaktion in den vielen Ankündigungen für den 19. Februar eher unterging, dachte ich, okay, machen wir halt schnell ein paar Bilder, dann ins Büro, Fotos aus der Kamera und bearbeiten, den Text dazu und ins Netz damit. Nachdem aber etwa 20 Frauen bei strömendem Regen ein Stück weit gegangen waren (natürlich mit Transparenten, Rasseln, Pfeifen), kam die Idee, doch zur internationalen Pressekonferenz ins Burgtheater zu gehen. Gewissermaßen als kleine Indoor-Demo; in diesen Zeiten ist ja fast alles möglich. Als wir uns aber (mit gleich ins Büro etc. wars klarerweise doch nichts) durch die vielen Leute in den Raum durchgewühlt hatten, wo die Konferenz stattfand, wurde es zu einer Art Stürmung. Wir sahen nämlich ein ausschließlich aus Männern bestehendes Podium, mit Silvio Lehmann  vom Republikanischen Club in der Mitte, auf charakteristische Weise nasal redend. Vielleicht ist es seine Sprechweise, aber er kommt nicht nur mir sehr von sich überzeugt vor, sodaß jede Silbe von großer Wichtigkeit ist.

Demo am 19.2.2000

Lehmann wandte sich dann an “die Journalisten”, die seine illustren Gäste befragen sollten. Die Frauen spannten ihre Transparente auf und riefen “Sexismus ist Rassismus”, und die Pfeifen waren auch recht nützlich. Unverständnis bei den Herren vorne, denn davon, daß Frauendiskriminierung etwas mit jenen Diskriminierungen zu tun hat, gegen die sie sich wenden, hatten sie offenbar noch nie was gehört. Manche wirkten auch eher angewidert von dieser Störung, aber schließlich konnte eine Frau die Forderungen der Frauen verlesen. Und es wurde im Weiteren immer besonders betont, wenn ein weiblicher Ehrengast das Wort ergreifen durfte (allerdings ging keine Frau auf Frauenrechte ein). Bezeichnend auch das Lob für eine an der Organisation beteiligte Frau, die das seit drei Wochen in ihrer Freizeit macht – viele Frauen hatten dazu die Assoziation, daß einstmals der Beitrag von Frauen zur Politik so aussah, daß sie Kaffee bei Versammlungen ausschenken und den Zeitungsversand übernehmen. Diese Frau las dann vor, welche Frauen unter anderem auf den verschiedenen Bühnen an den Sammelpunkten zur Demo sprechen werden.

Demo 19.2.2000

Eine Frau aus der niederländischen Delegation (die Leute kamen zu Vierzigst mit dem Bus!) meinte zu mir, daß die Frauen doch das Gemeinsame sehen sollten – als ob Frauen nicht noch von jeder Revolution verraten worden sind, sobald sie nicht mehr benötigt wurden. Auch seitens SOS wurde (von Männern) dieses Gemeinsame im gemeinsamen Ziel betont. Im Foyer und nach der Pressekonferenz ergaben sich dann aber doch interessante Gespräche – und Max Koch von SOS Mitmensch forderte mich und andere auf, uns doch einzubringen, denn der Ruf der “Altherrenpartie” besonders der “Demokratischen Offensive” ist nicht wirklich toll. Schon, aber nicht, um Männer zu “erziehen”, sondern davon ausgehend, daß das entsprechende Bewußtsein vorhanden ist. Zu den Sitzungen der DO hat mir dann eine Frau erzählt, daß dort wirklich Männer monologisieren und Frauen – in der Minderzahl befindlich – kaum zu Wort kommen, daß ihnen nicht zugehört wird. SOS hat sich hingegen schon Strukturen gegeben, bei denen das nicht passiert, und es sind auch genug Frauen aktiv.

19.2.2000 Heldenplatz

Natürlich brauchen gerade die Frauenprojekte breite Unterstützung und dürfen nicht vom anderen Österreich selbst als “Randthema” wahrgenommen werden. Manche Männer sehen durchaus das gesellschaftsverändernde Potential dieser Frauenszene, und auch einen Gegensatz zur Regierung (“Die san unter dem ersten, was odraht wird.”). Ein Mann von einer Initiative gegen Rassismus meinte, daß die Beteiligung von NGOs an EU-Programmen fraglich sei, weil da ja 50% nationale Kofinanzierung vorgesehen ist. Und ebendies erfolgte bisher meist über Ministerien, teils auch über das AMS. Ich versprach, das im Rahmen unserer Kontakte zu EU-Leuten und -Einrichtungen zu thematisieren. Denn Ausnahmen von Ausschreibungsbedingungen wegen der Regierung eines Mitgliedsstaates sind ja nicht möglich. Da muß es also andere Lösungen geben…

19.2. 2000 Heldenplatz

Frau und mann sprach auch über Medien, und dabei ging es auch um den Eindruck, den der ORF in letzter Zeit hinterläßt. Die Demo kommt kaum vor, dafür eine Khol-Westenthaler-Pressekonferenz ganz ausführlich. Wobei aber Männer immer noch eher die Chance haben, ihre Meinung zu äußern – eine Frau meinte, es wird immer schlimmer. Selbst die Ausnahme Der Standard unterscheidet sich von den anderen nur dadurch, daß manchmal auch Frauen kommentieren…Es gibt also viel zu tun – besonders bei “patriarchalischen Altlasten”, die noch aus der Zeit vor dem 4. Februar stammen….

19.2.2000 Heldenplatz

19.2.2000 Bericht von Demo und Kundgebung

Das Sammeln zur großen Demo vollzog sich, vielleicht auch wegen des unfreundlichen Wetters, recht langsam. Schon vor 14 Uhr begannen KünstlerInnen Am Graben mit einer Aktion, bei der u.a. Transparente gemalt wurden. Die ersten Frauengruppen trafen sich ungefähr zu dieser Zeit beim WUK, und alle, die per Bahn aus dem Westen (und dem Ausland) anreisten, zogen durch die Mariahilferstraße auf den Ring. Da es für unsere UserInnen sicherlich wenig interessant ist, 60 Bilder von Regenschirmmeeren durchzuklicken, haben wir uns auf Einzeleindrücke konzentriert. Besonders auf alles, was mit viel Phantasie hergestellt wurde, eben von jenen offenkundig “Unorganisierten”, die auch bisherige Proteste getragen hatten. Natürlich war es auch ein eher ungewohnter Anblick, GewerkschafterInnen en masse marschieren zu sehen…. und da wir uns die (Foto-) Arbeit geteilt haben, gibt es auch einige Backstage-Bilder vom HeldInnenplatz.

19.2.2000 Heldenplatz

In der “Nachbereitung” durch die TeilnehmerInnen wurde dann noch, per Mails, die auch wir erhalten haben, kritisiert, daß Frauen eigentlich nicht gemeint waren. Die Sprache der Moderation am HeldInnenplatz schloß sie konsequent aus, und die VertreterInnen der Frauenbewegung wurden als “Damen” angekündigt, worüber sie sich bestimmt sehr gefreut haben…Daß es Österreicherinnen, Europäerinnen, Teilnehmerinnen gibt, ist offenkundig manchen Männern noch immer nicht bewußt, die sich als Antirassisten verstehen.

19.2.2000 Frauenaktion

Und sie kämen nicht auf die Idee, daß es um ihren Antirassismus auch nicht so toll bestellt sein kann, wenn sie zwar Unterscheidungen in den Rechten, Möglichkeiten, Pflichten und Chancen zwischen Österreichern und Ausländern bekämpfen, aber sehr wohl auf die Hälfte der Österreicher und Ausländer vergessen…. Nun denn, es war toll, wieviele weibliche und männliche Menschen trotz Regen und Kälte auf der Straße waren – und daß sie sich nun beileibe nicht “ausgetobt” haben, wie unser neuer Kanzler hofft….

19.2.2000 Frauenaktion

Im Web aufgespürte Infos von damals:

Infos bei no-racism.net
Rede von Olga Neuwirth
Ceiberweiber-Archiv
Rede von Marlene Streeruwitz
Daten im Überblick beim Demokratiezentrum
Infos bei volkstanz.net
Elektrofrühstück (Bady Minck)
Austria Widerstand

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